Dieser Blaubart ist kein Haarmannscher Sadist und kein Monster, sondern genau wie die Frauen, Opfer und Täter zugleich.

Badische Zeitung vom 11. März 2019 
Von Juliana Eiland-Jung

OFFENBURG. Der Klassiker „Blaubart“ kommt in der Bühnenversion von Dea Loher in zeitgenössischem Gewand daher. Das Offenburger Theater im Gewölbe hat in seiner aktuellen Inszenierung dem Märchenstoff einen weiteren Dreh gegeben, denn gleich drei Männer verkörpern den Frauenmörder.

Die 1964 geborene Autorin – eine der produktivsten und am meisten gespielten Dramatikerinnen der Gegenwart – hat der dämonischen Märchenfigur ihre Einzigartigkeit ohnehin ausgetrieben. Sie macht aus dem sagenumwobenen Ritter oder König einen spießigen Damenschuhverkäufer als „Hoffnung der Frauen“, dessen Leben und Töten sich stets nur „ergibt“, dies jedoch mit geradezu zwingender Konsequenz. Nur bei einem Zoobesuch scheint ihm der Verzehr von Speiseeis angemessen, und solange eine Frau ihn nicht liebt, braucht er sie auch nicht umzubringen. Neben der Banalität seiner Existenz ist es vor allem die Umkehrung des Frauenmörderbildes, das dem Stück einen besonderen Reiz verschafft. Seine Morde sind keine Machtdemonstration, sondern Ausweis seiner Ohnmacht gegenüber den Frauen, die von ihm eine „Liebe über alle Maßen“ einfordern.

Großer Applaus für eine klassische Inszenierung

Doch auch die Frauen sind Getriebene, nicht auf der Suche nach sich selbst, sondern auf der zuweilen verzweifelt wirkenden Suche nach einem Mann und nach Liebe. Doch was die heiratswütige Julia (Angelika Rissler), die schlaflose Judith (Nicole Jendrossek), die Prostituierte Tanja (Andrea Stamwitz), die Wortsammlerin Anna (Silke Mahnke) und die schießwütige Eva (Barbara Krehl) umtreibt, ist Liebes- und Todessehnsucht zugleich. Ein maßloser Anspruch, dem Blaubart (Gereon Niekamp, Michael Lauther, Jean Baptiste Meugnier) nicht nachkommen kann. Die Frauen sehen in ihm nicht, was er ist, sondern nur ihre eigenen Projektionen. Statt eines gefühlsarmen Bürokraten erscheint er ihnen als Retter – nur die Blinde (Bettina Ragnit) durchschaut ihn und die Tragik seiner Rolle.

Bei der gut besuchten Premiere am Donnerstagabend sorgte die Inszenierung (Regie: Philipp Basler) für eine angespannte Stimmung im Publikum, denn obwohl es durchaus heitere Sequenzen gibt, überwiegt der Schrecken des alltäglichen Beziehungsabgrunds, in den das Stück blicken lässt. Die Theatralik der Bilder und die Unausweichlichkeit der Tragödie trifft auf lustige Szenen wie Annas Begeisterung über den reizvollen Klang von Wörtern wie „Hasenpfeffer“ oder Evas Klage darüber, dass Blaubart ihr ein Loch in die Strumpfhose geschossen hat.

Dass der Mehrfachmörder am Ende sterben muss, ist zwangsläufig angelegt. Und irgendwie tun sie einem alle Leid, die Normalos, von denen jede und jeder seelische Verletzungen zu tragen hat. Dieser Blaubart ist kein Haarmannscher Sadist und kein Monster, sondern genau wie die Frauen, Opfer und Täter zugleich. Großer Applaus für eine klassische Inszenierung und beeindruckende schauspielerische Leistungen.

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